Die gruppenweise Kälberaufzucht birgt das Grundproblem, dass sich Krankheiten rasch ausbreiten. Kälber verfügen zwar über ein intaktes, aber noch unerfahrenes Immunsystem, das im Kontakt mit Erregern erst heranreift. «Genau das macht sie besonders anfällig», erklärt Martin Kaske.
Die Erkrankung beginne mit einer Virusinfektion und darauf folgt meist eine bakterielle Sekundärinfektion, die eine lebensbedrohliche Lungenentzündung (Pneumonie) auslösen und bei nicht adäquater Behandlung irreversible Schäden am Lungengewebe hinterlassen kann. Zu den typischen klinischen Symptomen erkrankter Kälber zählen:
- Müdigkeit
- Husten
- eine erhöhte Atemfrequenz
- Fieber
- Fressunlust
- und Nasenausfluss.
Oft keine Alternative zu Antibiotika
«Kommt es zum Ausbruch, ist die rasche Unterbindung der Ausbreitung entscheidend», erklärt Martin Kaske. In diesen Fällen lasse sich eine antibiotische Gruppenbehandlung nicht vermeiden. Zwar bestehe das Risiko von Resistenzentwicklungen, dennoch seien Antibiotika in akuten Fällen oft alternativlos.
Kaske sieht die Impfung als einen wichtigen Baustein zur Vorbeugung. Entscheidend sei dabei nicht nur die Impfung selbst, sondern auch die Art der Verabreichung: «Wenn die Infektion über die Nase erfolgt, ist es besonders sinnvoll, das Impfantigen ebenfalls intranasal zu geben, anstatt subkutan unter die Haut. Es gelangt so über denselben Weg in den Körper wie das Feldantigen – dies führt zu einer optimalen und angepassten Immunreaktion der Zellen der respiratorischen Schleimhaut in den oberen Atemwegen. Je natürlicher der Verabreichungsweg, desto besser reagiert das Immunsystem.»
Zudem komme es bei der intranasalen Anwendung zu keiner negativen Interaktion mit maternalen Antikörpern, die das Kalb idealerweise über die Kolostralmilch erhalten hat. Bei subkutaner oder intramuskulärer Verabreichung sei hingegen eine zumindest teilweise Inaktivierung des Impfantigens zu erwarten. Bei der Booster-Impfung auf dem Mastbetrieb seien aufgrund des höheren Alters des Kalbes jedoch kaum noch maternale Antikörper vorhanden, sodass die Impfung dort auch subkutan oder intramuskulär erfolgen könne.
Herdenimmunität aufbauen
Auch der Zeitpunkt spiele eine zentrale Rolle. Kälber sollten weder am ersten Lebenstag noch unmittelbar nach dem Einstallen im Mastbetrieb geimpft werden. Sinnvoll sei der Beginn der Grundimmunisierung ab dem zweiten Lebenstag innerhalb der ersten Lebenswoche.
In Mastbetrieben wiederum empfehle sich eine Verschiebung auf die dritte oder vierte Woche, wenn die Tiere bereits eine erste Immunantwort aufgebaut haben. Wichtig ist, dass sich bei einer Impfung von mehr als 80 % der Kälber eine Herdenimmunität entwickelt, die dazu führt, dass sich eine Infektion in der Gruppe nicht ausbreiten kann.
«Preconditioning» zeigt positive Effekte
Doch selbst die beste Impfung wirke nur im Rahmen eines Gesamtkonzepts, sagt Martin Kaske. Dazu gehören tiergerechte Haltung, strikte Biosicherheit sowie eine bedarfsgerechte Fütterung – insbesondere in den ersten Lebenswochen müsse die Versorgung mit Energie und Eiweiss stimmen.
Einen bedeutenden Schritt hin zu einer einheitlicheren Praxis markierte die Anpassung der QM-Richtlinien: Seit dem 1. Juli 2025 müssen alle Kälber auf Geburtsbetrieben geimpft werden, sofern sie vor dem 57. Lebenstag verkauft werden. Die Ausnahmen sind klar definiert.
Wie wichtig klare und praktikable Abläufe sind, zeigte auch eine Pilotstudie, aus der Kaske berichtete. Ein Blick auf die Praxis zeigt, dass ein optimales sogenanntes «Preconditioning» auf dem Geburtsbetrieb spürbare positive Effekte hat. Dazu gehört die gute Kolostrumversorgung, das intensive Tränken und die Impfung gegen Kälbergrippe. Eine optimierte Aufzucht auf den Geburtsbetrieben – einschliesslich der Impfung – führt zu einer besseren Konstitution der Kälber und resultiert in einer kürzeren Mastdauer sowie höheren Schlachtgewichten. Derartige Kälber sind bei der Aufstallung auf dem Mastbetrieb tatsächlich jünger, aber trotzdem schwerer, und sie bringen während der Mast klare Vorteile für den Mäster.
Gute Kommunikation ist wichtig
Gleichzeitig bleibt die Umsetzung systematischer Impfprogramme im Betriebsalltag anspruchsvoll: Kälber werden früh vermarktet, in grossen Gruppen gehalten und durchlaufen komplexe organisatorische Prozesse. Umso wichtiger ist eine gute Kommunikation zwischen Geburts- und Mastbetrieben, damit die einzelnen Massnahmen des «Preconditioning» – insbesondere die frühzeitige Impfung – zuverlässig ineinandergreifen.
Der Schweizer Bauernverband (SBV) und die Rindergesundheit Schweiz haben deshalb gemeinsam Informationsmaterial bereitgestellt – darunter zahlreiche FAQs, ein Fact Sheet sowie Beispielpräsentationen und Artikel, die den Betrieben als Orientierung dienen sollen.


